Bücher

“I am I am I am.”

If neurotic is wanting two mutually exclusive things at one and the same time, then I’m neurotic as hell. I’ll be flying back and forth between one mutually exclusive thing and another for the rest of my days.

Vor vier Jahren hat mich ein Buch gefunden, das mehr Ich zu diesem Zeitpunkt nicht hätte sein können. Dieses Buch war Die Glasglocke, im Englischen The Bell Jar, von Sylvia Plath. Es ist eines der Bücher, das mich, sei es aufgrund der Umstände, in denen ich es las, sei es aufgrund der starken Stimme der Autorin, niemals wieder wird ganz loslassen können.

Vorausschicken muss ich folgendes: Coming of Age-Bücher, und im weitesten Sinne ist The Bell Jar natürlich eines davon, gibt es viele. Sie ähneln sich und erzählen immer wieder die gleiche Geschichte von Jugendlichen, die sich in der Welt der Erwachsenen verloren fühlen und erst durch tiefe Täler emotionaler Instabilität gehen müssen, bis sie ihren Platz im Leben finden. Ich bin eigentlich kein großer Fan dieser Literatur; ich habe es noch nicht mal geschafft den dünnen Catcher in the Rye zu lesen, weil mich die ersten dreißig Seiten so schrecklich langweilen. (Davon sollte ich mich nicht entmutigen lassen, ich weiß.)

The Bell Jar ist, was die Geschichte angeht, da nicht einmal unbedingt anders. Aber es hat mich in einer schwierigen Zeit erwischt, und mir eine bestimmte Sichtweise aufs Leben vermittelt, wie es eben nur kluge Menschen, kluge Filme oder kluge Bücher können. Diese herrliche Ironie wischt die Banalität einer so oft in Variationen bei anderen Autoren gelesenen Geschichte mitsamt dem normalerweise zugehörigen Teenager-Verträumten einfach weg.

Selten habe ich im Lesen ein Buch so gelebt. Ich, und mit mir meine ganze Welt wurden damals zu Esther, der Hauptfigur. Ich fuhr mit ihr ins New York Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre und versuchte mich im Leben – Kleider, Drinks, Männer, und alles glitzerte herrlich. Belanglose Erfahrungen, aber solche, die man als junger Mensch machen möchte, machen muss. Dann wurde mit einem Mal alles neblig. Um mich herum eine schale, graue, klebrige Umwelt. Zurück in der Provinz auf der Suche nach Ruhe und Seelenheil wurde alles noch schlimmer. Meine Zukunftspläne zerschlagen sich, die Glasglocke um mich herum schloss luftdicht ab. Alles, worum es nun noch ging, war dem Wahn die Stirn zu bieten. Doch was war der Wahn? Die Anderen? Man selbst?

I saw my life branching out before me like the green fig tree in the story. From the tip of every branch, like a fat purple fig, a wonderful future beckoned and winked. One fig was a husband and a happy home and children, and another fig was a famous poet and another fig was a brilliant professor, and another fig was Ee Gee, the amazing editor, and another fig was Europe and Africa and South America, and another fig was Constantin and Socrates and Attila and a pack of other lovers with queer names and offbeat professions, and another fig was an Olympic lady crew champion, and beyond and above these figs were many more figs I couldn’t quite make out. I saw myself sitting in the crotch of this fig tree, starving to death, just because I couldn’t make up my mind which of the figs I would choose. I wanted each and every one of them, but choosing one meant losing all the rest, and, as I sat there, unable to decide, the figs began to wrinkle and go black, and, one by one, they plopped to the ground at my feet.

Man kann gar nicht ganz genau sagen, ab wann The Bell Jar zum Meisterwerk wird. Coming of Age hin oder her, Sylvia Plath bewegt sich, spätestens wenn sie Esther aus New York flüchten lässt, kritisch-distanziert zu der Misere ihrer Hauptfigur. Sie lässt sie Selbstmordphantasien durchleben, die so lächerlich sind, dass sich kein Leser der Absurdität der Situation entziehen kann (“The trouble about jumping was that if you didn’t pick the right number of stories, you might still be alive when you hit bottom.”). Das Krankheitsbild dieses depressiven Mädchens, das nicht ernst genommen wird, so dass es sich selbst nicht einmal mehr ernst nehmen kann, ist derart exzellent beschrieben, dass auch der glückliche Leser, der nie am eigenen Leibe seelische Krisen durchstanden hat, nachvollziehen kann; ja, muss, warum es manche Menschen ins Jenseits zieht. Man liest, man staunt. Wie konnte Plath, die all diese Gefühle bekanntermaßen selbst durchgemacht hat, ihre Empfindungen in solch treffende Worte fassen? Wie gelang es ihr, das Unglück mit Worten zu fassen? Wie gelang ihr diese künstlerische Umformung? Alle, die mit den Symptomen einer Depression vertraut sind, werden sich zwangsläufig die Frage stellen müssen: Wie hat Sylvia Plath die Kraft aufgebracht, mit solchen Problemen derart schöpferisch und kunstvoll umzugehen?

Let me live, love and say it well in good sentences.

Die Geschichte um Esther nimmt ein glückliches Ende. Sylvia Plath hingegen hat, wie wir wissen, ihr Ende in einem Gasherd gefunden. Ein absurder Tod. Der irgendwie zu der Stimme in jenem exzellenten Buch passen mag.

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2 Kommentare zu ““I am I am I am.”

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