Bücher

Lesen wie im Paradies: ‚Der Garten Eden‘ von Hemingway

Meer

Das erste Buch, das ich jemals in einer fremden Sprache gelesen habe, war A Farewell to Arms von Ernest Hemingway. Ich glaube, das war auch eines der ersten Bücher, das mich in meiner sechzehnjährigen Jugendlichkeit hat Rotz und Wasser heulen lassen. Ich musste für meinen Englisch-Leistungkurs einen Roman aufbereiten und hatte eigentlich kein spezielles Buch von einem bestimmten Autor vor Augen, schließlich interessierte ich mich damals weniger für Schriftsteller als für Musiker (englisch durften die allerdings schon sein). Im Endeffekt wählte ich A Farewell to Arms, weil das eine der wenigen englischsprachigen Ausgaben war, die ich in der Kleinstadt, in der ich aufwuchs, bekommen konnte.

Das Buch hat mich jedoch so in seinen Bann gezogen, dass ich mich über die nächsten Jahre hinweg bemühte, nach und nach Hemingways ganzes Werk zu durchforsten. Das Wundersame an ihm war, dass mir jeder seiner Romane noch besser gefiel, als der, den ich zuvor gelesen hatte – mit Ausnahme von The Old Man and the Sea, der direkt an A Farewell to Arms anschloss. Fiesta und A Moveable Feast trafen mich in meiner Lebenswelt so exakt, dass ich selbst glaubte, einer Lost Generation anzugehören (In gewisser Hinsicht denke ich das noch heute, aber das ist ein anderes Thema). Neidvoll blickte ich damals in die Zwanziger Jahre zurück und hätte einiges für ein Leben unter schriftstellerisch tätigen Amerikanern im wilden Paris zu dieser Zeit gegeben.

Doch dann kam eine Phase, in der ich mich von Hemingway entfernte. Ich versuchte mich an seinen Kurzgeschichten, die mir jedoch zu fremd in ihrer Thematik waren (Safari, Safari und noch ein bisschen mehr Safari) und auch For Whom the Bell Tolls schaffte es nicht, meine Aufmerksamkeit zu fesseln.

Ich hatte mit meinem geliebten Hemingway also schon fast abgeschlossen, als mir in einer Ecke meiner Stadtteil-Bibliothek Der Garten Eden begegnete. Flugs den Klappentext überflogen (Aha, Dreiecksgeschichte, interessant…), entschied ich, ihm noch eine Chance zu geben. Was dann geschah; ja, damit hätte ich wirklich nicht gerechnet.

Was für eine Geschichte! Der Garten Eden hat mich förmlich weggepustet. Zwei Frauen, ein Mann. Liebe, Eifersüchteleien und das alles unter der brennenden Sonne Südfrankreichs und Spaniens. Das Ganze ist gespickt mit Offenherzigkeiten und sich auflösenden Geschlechterrollen, Verrücktheiten und Verrücktsein, zuletzt ein offenes Ende. Und als wäre das noch nicht prickelnd genug, beschreibt Hemingway die Drinks und das Essen derart anschaulich, dass man am liebsten gleich den nächsten Flieger nach Nizza buchen möchte.

Der Garten Eden ist, anders als die anderen Bücher Hemingways, sehr dicht an Raum und Zeit. Auch wenn The Old Man and the Sea überaus kompakt in Handlung und Szenerie daherkommt, ist dieser kurze Roman noch eine Stufe intensiver. Die Sprache ist so bildhaft, dass ich förmlich das Salz schmecken und die Sonne auf der Haut spüren konnte.

Gleichzeitig war ich fasziniert, dass Hemingway, der so oft als Macho und Sexist verschrien wird, hier starke Frauenfiguren schalten und walten lässt. Das frischvermählte Paar (sie, Catherine, eine reiche Erbin, er, David, talentierter aber mittelloser Schriftsteller) wird ergänzt durch ein junges Mädchen, Marita, das zuerst mit Catherine, die im Verlauf immer mehr äußerlich wie innerlich zum androgynen Wesen mit starken männlichen Zügen wird, dann mit David anbändelt. Die Frauen entscheiden, was passiert, und David kann in den meisten Situationen eigentlich nur reagieren. Vieles Sexuelle wird angedeutet, aber nicht erklärt – ein literarischer Kniff, der, wenn er gut gemacht ist, immer viel reizvoller ist, als alles explizit darzulegen. So kann man sich als Leser selbst ausmalen, was unter der brennenden Sonne passiert, während Catherine, David und Marita immer brauner werden und das emotionale Desaster seinen Lauf nimmt.

Mit Der Garten Eden habe ich bei Hemingway wieder das gefunden, was mich schon vor über zehn Jahren an seinem Schreiben fasziniert hat: Diese klare Schnörkellosigkeit, die dennoch so poetisch eine Wirklichkeit einfangen kann. Schreibe ich Wirklichkeit? Ja, denn wenn man dieses Buch liest, dann kann man sich gar nicht vorstellen, dass es nicht so gewesen sein soll, im Garten Eden.

Das einzige logische Fazit ist eine hundertprozentige Leseempfehlung. Doch Achtung: Wer das Buch liest, riskiert eine bleibende Sehnsucht nach dem Sommer…

Advertisements

Ein Kommentar zu “Lesen wie im Paradies: ‚Der Garten Eden‘ von Hemingway

  1. Jetzt kommt eine Themenverfehlung, sorry! 😉
    Aber weil ich irrtümlich erst ‚Leben wie im Paradies‘ gelesen habe: Versuch mal das! Das ‚haut Dich vermutlich noch mehr um‘, als der Hemingway 😉
    Liebe Grüße!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s