Bücher

Von Zauberkünstlern und Superhelden.

The Amazing Adventures of Kavalier & ClayIm letzten Beitrag habe ich bereits die Wirkung, die ausgedehnte Literaturlisten auf mich ausüben, beschrieben. Es war eine ebensolche Literaturliste, die mich Anfang des Jahres auf The Amazing Adventures of Kavalier & Clay des amerikanischen Schriftstellers Michael Chabon aufmerksam machte. In dieser Aufstellung wurden die einflussreichsten amerikanischen Romane der letzten Jahrzehnte gewählt, und, ganz überraschend für mich, da ich noch nie von ihm gehört hatte, war Michael Chabons Werk ganz vorne dabei.

Ich bin leider leicht zu beeindrucken, wenn es um literarische Auszeichnungen geht, also tat der Pulitzerpreis, den Chabon für seine Abenteuer erhalten hat, natürlich alles andere als meinem geweckten Interesse Abbruch. Hinzu kam das gelungene Cover, das die Vorfreude auf ein tolles Leseabenteuer noch verstärkte, so dass ich mir recht bald das Buch bestellte. Wenn man dann auch noch auf Autoren wie Jeffrey Eugenides oder John Irving steht (Von Zeit zu Zeit ein kleines Epos gefällig? Dann sind diese beiden definitiv die richtigen Lieferanten…), können The Amazing Adventures of Kavalier & Clay eigentlich nur fesseln.

Die Geschichte ist so fiktiv wie real, so wahnwitzig, wie plausibel: Josef Kavalier, ein neunzehnjähriger, jüdischer Junge, flüchtet 1939 auf spektakuläre Art und Weise aus Prag, um in Brooklyn auf seinen jüngeren Cousin Samuel Clayman zu treffen. Zusammen werden sie dank Joes künstlerischen und Sams schriftstellerischen Talent bald mit einer eigenen Comic-Reihe bekannt und erfolgreich. Dabei möchte Joe eigentlich nichts anderes, als seine Familie so schnell wie möglich vor dem Naziregime über den Atlantik retten und Sam sich seiner aus seiner ewig gefühlten Unterlegenheit befreien. Über fünfzehn Jahre folgt Chabon den Spuren seiner Hauptfiguren, lässt sie nichts auslassen – Liebe, Gewalt, Tod und Glück – und hin und her springen zwischen drei Kontinenten und mehreren Leben. Charmant wirken neben den unfassbar bildhaft beschriebenen Comicstrips die Ausflüge in die Zauberwelt, denn Joe hat in Prag Lehrstunden bei einem Entfesselungskünstler genommen, was ihm nicht nur bei der Entwicklung der Superheldenfigur The Escapist zugute kommt.

Es werden eine Reihe großer Themen angesprochen: Antisemitismus – natürlich, aber auch Homosexualität, Geschlechtergleichheit, der Umgang mit Künstlern in den USA. Doch nie hat man das Gefühl wie in manch einem Roman von Umberto Eco, dass die Bildungskeule rausgeholt wird und der Autor sich selbst an seinem recherchierten Wissen berauscht. Im Gegenteil, die Grenzen zwischen Fiktion und Fakten greifen in diesem Roman so glänzend in einander, dass man glauben möchte, Joe Kavalier und Sam Clay hätten tatsächlich das Comicgenre in den vierziger Jahren aufgemischt.

Ein großer Spaß, ein richtiger Schmöker, der für mich nur einen Haken hatte: Ich wollte bei den ganzen Cliffhangern am Ende der Kapitel am liebsten ununterbrochen weiterlesen, aber dann hätte ich auf Schlaf, Essen, Arbeit und Freunde vollständig verzichten müssen. Stattdessen setzte ich mich der Qual aus und ließ das Buch zwischendurch ruhen – eigentlich eine gute Taktik, denn so konnte ich die wundersamen Abenteuer noch ein kleines bisschen länger genießen. Ein lustiges, spannendes, trauriges und (ent)fesselndes Buch.

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