Bücher

Dresden, so it goes.

DresdenMeine Großmutter hat mir irgendwann einmal erzählt, wie die Bombenangriffe auf Dresden vom Umland ausgesehen haben. Die Nacht war taghell und da wo Westen war, schien der Himmel. Dresden brannte. So it goes.

In der Schule habe ich gelernt, dass Phosphorbomben dazu führten, dass Menschen brannten und damit auch nicht aufhörten, als sie sich in die Fluten der Elbe stürzten um das Feuer zu löschen. Offenbar kann man diese Flammen nur mit Sand ersticken. So it goes.

Eines der berührendsten Bücher, das ich jemals gelesen habe, ist Erich Kästners Als ich ein kleiner Junge war, in dem der Autor seine Kindheit im alten, intakten Dresden schildert – eine romantische Hommage an eine der vormals – und mittlerweile glücklicherweise wieder neu erstrahlten – schönsten Städte Deutschlands. In mir hat er damit die Sehnsucht nach einer verschollenen Stadt geweckt, dass es mir beim Lesen fast weh tat, all die mir bekannten Straßenzüge nicht mehr in ihrer ursprünglichen Pracht sehen zu können. So it goes.

Dies sind nur drei Aspekte, die mir durch den Kopf gingen, wann immer von Slaughterhouse Five die Rede war. Über Jahre hinweg wollte ich dieses Buch über diese eine ganze besondere Stadt Dresden lesen, über Jahre hinweg war ich abgeschreckt, weil doch bei einer Geschichte über ihre Zerstörung keine leichte Kost zu erwarten war. Irgendwie hatte sich in mir der Gedanke verfestigt, Kurt Vonneguts Erzählung müsse eine tieftraurige sein, denn schließlich ist alles an der Zerbombung Dresdens tieftraurig.

Umso größer die Ironie, dass ich ausgerechnet jetzt, wo Dresden einmal mehr von einer Flutwelle bedroht wurde, wo Zerstörung plötzlich wieder präsent und der Ausmaß der Schäden ungewiss ist, das Buch schlussendlich gelesen habe. Umso größer die Ironie, dass es sich nicht um eine tragische, sondern – wenn überhaupt – eine tragisch-komische Erzählung handelt. Umso größer das Können Vonneguts, dass er eine haarsträubende Geschichte derart verpackt hat, dass sie abgedreht, ja, unfassbar daher kommt und dass dadurch die Absurdität eines Krieges umso deutlicher hervortritt.

Slaughterhouse Five ist ein Science-Fiction-Roman über einen unbedarften Mann, Billy Pilgrim, der durch die Zeit reist, von Außerirdischen gekidnappt wird, einen Flugzeugabsturz mit Schädelfraktur übersteht – und, ach ja, den Bombenangriff auf Dresden mit eigenen Augen erlebt. Menschen sterben in dem Buch zuhauf. Doch was soll’s, schließt Billy Pilgrim, sie sind ja nicht wirklich tot, denn die Zeit passiert nicht nacheinander, sondern permanent nebeneinander. So it goes. Das haben ihm die außerirdischen Tralfamadorianer so erklärt, und für Billy gibt es keinen Grund, es nicht zu glauben.

Über ein solches Blutbad lässt sich nichts Gescheites schreiben, sagt der Erzähler der Rahmenhandlung am Anfang des Buches. Das was folgt, ist schrill, absurd und hat mit Dresden konkret am Ende dann gar nicht so viel zu tun, wie man bei einem Roman, der die Zerstörung der Stadt thematisiert, vermuten mag. Gescheit ist es dennoch, denn es ist ein Puzzleteil mehr in dem erschreckenden Bild, das der zweite Weltkrieg auch in der Literatur- und Kulturgeschichte darstellt – und als solches sollte man Slaughterhouse Five unbedingt gelesen haben.

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