Bücher

Schöne Aussichten. A Room With A View.

Eines vorweg: E. M. Forster ist mit dem zweiten Buch, das ich von ihm gelesen habe, in die Riege meiner liebsten Schriftsteller aufgestiegen.

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A Room With A View war für mich die romantischere Version von Howards End. Ein wenig charmanter, leichter, harmloser. Während Howards End mich berührte, weil zwei Frauen darin ihren eigenen Weg gehen und sich gegen Konventionen und Spießbürgerlichkeit stellen, fühlte ich bei A Room With A View viel mehr die Kraft der Jugend und der Leidenschaft. Es geht um den Menschen, nicht um die Dinge! schreit dieser Roman gut gelaunt hinaus.

Es ist irgendwie bedenklich, dass Cecil, der Verlobte der Hauptfigur Lucy, ein Charakter ist, der sich über Geist, Literatur und Kultur definiert. Ich kann seine Position sehr gut nachvollziehen, lebe gewissermaßen selbst nach dieser Prämisse. Gleichzeitig wird er von Forster quasi von Anfang bis Ende durch den Kakao gezogen, so dass man sich als Intellektuelle/r schon fragen muss, ob die eigene Weltsicht wirklich sinnvoll ist, oder nicht genauso absurd wie die des englischen Gentlemans.

Doch das nur vorweg, denn eigentlich handelt der Roman von besagter Lucy, die mit einer älteren Cousine als Anstandswauwau im ersten Teil des Buches Italien bereist und in Florenz allerlei liebenswerte Menschen kennenlernt. Zwei ältere, unverheiratete Schwestern, die Misses Alan, eine „Schriftstellerin“, Miss Lavish, ein Vater-Sohn-Gespann, die Emersons, und schließlich einen wohlmeinenden Geistlichen, Mr. Beebe.

Die ungleiche, aber unterhaltsame Gesellschaft verbringt einiges an Zeit miteinander. Lucy wird Zeuge eines Mordes und von George Emerson, dem jungen Sohn, geküsst. Die wachsame Cousine sieht’s und drängt zum hastigen Aufbruch in die nächste Stadt.

Der zweite Teil des Buches beginnt nicht minder munter. Lucy nimmt den Heiratsantrag Cecils an, aber schon alsbald drängen sich die Unterschiede in der Erziehung beider Parteien auf und stellen die Beziehungen auf die Probe. Während Cecil aus einer vornehmen Londoner Familie stammt und sein Leben lang nichts Besseres zu tun hatte, als seinen Geist zu kultivieren, ist Lucys Verwandschaft tüchtig wie einfach, aber liebevoll im Umgang miteinander.

Natürlich kommt die Geschichte nochmals in Bewegung, denn die Emersons schlagen mehr oder weniger unfreiwillig im Heimatdorf von Lucy auf. Das restliche Hin und Her spare ich mir zu schildern, amüsant ist es allemal, aber ich will auch nicht alles verraten.

Lucy jedenfalls, und da gleicht sie den Schwestern aus Howards End, trifft ihre eigenen Entscheidungen, wenn sie auch nicht ganz so radikal in ihren Ansichten ist. Was ich an Forster als Schriftsteller so schätze ist, die lockere, leichte Art, mit der er Anfang des 20 Jahrhunderts Frauenfiguren sich emanzipieren lässt. Das war damals keine Selbstverständlichkeit, aber kommt im Roman als solche daher und vielleicht leisteten gerade deshalb Forsters Werke ihren eigenen kleinen Beitrage zur Gleichberechtigung der Geschlechter.

Auf alle Fälle ist A Room With A View wundervolle Sommerferienlektüre. Und die können wir bei dem derzeitigen Wetter doch alle sehr gut gebrauchen. Lesen, Lieben, Lachen! Und wem mehr nach Schauen ist, der genieße die zauberhafte Helena Bonham Carter in ihren jungen Jahren als Lucy in der Verfilmung von 1985.

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