Bücher

Das Erwachen im Herbst

Cover The AwakeningEin Sommer ist vergangen. Ein Sommer, der so vollgepackt von schönem Wetter, langen Läufen und Treffen mit Freunden war, dass das Lesen und noch viel mehr das Schreiben zu kurz gekommen ist. Jetzt ist die Kälte zurück und mit ihr die Zeit ,sich wieder gebührend über Bücher Gedanken zu machen.

Eines der Bücher, die ich zwar letztens gelesen, aber noch nicht besprochen habe, ist Kate Chopins The Awakening, das bei seiner Veröffentlichung 1899 einiges an Tumult ausgelöst hat. Ich bin auf einer Bücherliste mit Titeln, die jede Frau einmal gelesen haben sollte, darauf gestoßen. Das Erwachen, wie die deutsche Übersetzung heißt, ist also ein Roman, in dem es um die Rolle der Frau geht – und wenig verwunderlich, wenn man weiß, dass es einmal als Skandalbuch galt, vertritt die Autorin hier eine recht fortschrittliche Ansicht. Aber es geht nicht nur um Emanzipation, es geht auch um die Suche nach Glück im Leben, und das macht es so universell.

Das Buch ist erstaunlich leicht angesichts seiner Dichte. Edna, eine junge Frau von 28 Jahren, gut situiert, verheiratet und Mutter von zwei kleinen Söhnen, verliebt sich während eines Sommers in einen anderen Mann. Dieser Mann erwidert ihre Gefühle, aber entscheidet, bevor irgendetwas ausgesprochen wird, nach Mexiko zu flüchten, weil er um die Unmöglichkeit ihrer Verbindung weiß. Für Edna ist das der Auslöser, sich plötzlich aus ihrer behüteten Umgebung zu lösen. Sie nimmt ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen nicht mehr wahr, sie begibt sich auf stundenlange Streifzüge durch ihr unbekannte Teile der Stadt, wo sie wohnt. Sie beginnt eine Affäre mit einem Mann, der ihr rein gar nichts bedeutet und zieht schließlich aus der Villa ihres Mannes aus, um sich in einem kleinen Häuschen ihr eigenes Leben aufzubauen. Sie testet ihre Grenzen aus, provoziert und tut ab einem gewissen Punkt nur noch das, was ihr gefällt. Sie möchte – und wer könnte das nicht verstehen – ihr persönliches Glück finden. Das Ende des Romans, das ich hier natürlich nicht verraten werde, hat mir förmlich die Schuhe ausgezogen, weil ich damit am wenigsten gerechnet habe.

Kate Chopins Art zu schreiben ist ohne Vorteile, klar und warm. Sie mag ihre Figuren, und sie mag sie wiederum auch nicht. Alle tragen ihre Stärken und Schwächen nach außen. Interessanterweise, aber eigentlich nicht überraschend bei einem feministischen Roman, sind die Frauenfiguren wesentlich klarer gezeichnet als die männlichen Personen. Letztere dienen fast nur der Staffage und recht häufig auch kleineren humoristischen Einfällen. Ednas Aufwachen wird kontrastiert mit verschiedensten anderen weiblichen Charaktermodellen: Eine hingebungsvolle Mutter und Ehefrau gibt es da, außerdem eine alleinstehende und verkopfte Musikerin. Edna selbst bewegt sich irgendwo dazwischen und versucht ihre Rolle auszuloten: Wie glücklich kann eine Frau sein, der von der Gesellschaft ein Verhalten auferlegt wurde?

Die Antwort die Kate Chopin darauf gibt, ist recht drastisch, aber macht das Werk umso lesenswerter. Das Erwachen ist das perfekte Buch für das Ende des Sommers. Wenn man es ausgelesen hat, ist Herbst geworden.

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